🍷🌱 Wenn Dinge heilen
Von einem zerbrochenen Teller zu einer neuen Art, Systeme zu verstehen
Vor ein paar Jahren habe ich einen kleinen Wandteller in einem lokalen Shop gesehen und gekauft. Jemand hatte altes Geschirr mit kleinen Statements versehen und zu Wandtellern umfunktioniert. Auf dem kleinen, kaum handgroßen Teller, der den Weg zu mir und an die Wand meiner Wohnküche gefunden hat, steht in schwarzer, geschwungener Schrift „amore“ geschrieben.
Vor zwei Wochen, als ich eine Yuccapalme in meiner kleinen Wohnküche umstellen wollte, ist der Teller von der Wand gefallen und in fünf Teile zerbrochen. Ich war betrübt. Der schöne Wandteller! Durch meine Unaufmerksamkeit beschädigt und gebrochen. Ich sammelte die Teile vom Boden auf und legte sie auf den kleinen Mahagonitisch neben mir. Als ich erkannte, dass der Teller überraschend glatt gebrochen war, beschloss ich, die Teile zusammenzulegen – und spürte Erleichterung in mir aufsteigen. Doch nicht kaputt! Also ja, schon kaputt, aber mit der Möglichkeit, wieder zusammengesetzt zu werden.
Ich behaupte, ich habe eine recht eigensinnige Haltung zum Thema Schönheit. Schönheit hat für mich nicht im Entferntesten etwas mit Perfektion zu tun. Charakter macht Schönheit. Eigenheit ist Schönheit. Ein gelebtes Leben ist Schönheit. Das ist der Grund, weshalb ich alte Dinge mag. Sie haben ein Leben gelebt und tragen sichtbare Zeichen dieses Lebens. Und nun auch dieser Teller, der, sobald ich ihn geklebt habe, seinen Platz zurück an die Wand meiner Wohnküche finden wird und jedes Mal, wenn ich oder eine andere Person ihn ansehen, seine Geschichte allein durch die Zeichnung seiner Oberfläche erzählen wird.
Ich habe den Teller gerade mit Kintsugi repariert. Alex Wolf kennt Kintsugi und hat auch schon in anderen Kontexten darüber geschrieben. Gerade liegt der Teller vor mir. Kintsugi kittet gerade eine gebrochene Liebe (amore). Und statt seine Bruchstellen zu verstecken, stechen sie golden hervor, als wollten sie zeigen, dass sie nicht das Ende sind, das wir ihnen zuschreiben.
Alex und ich haben beide über Trauma geschrieben. Daher überrascht es mich nicht, dass sich auch das Thema Heilung zeigt. Trauma und Heilung – vielleicht die beiden Themen, die Alex und mich damals zusammengeführt haben. Unser erstes Gespräch haben wir über Bindung geführt, damals noch verstrickt in narzisstische Dynamiken, die das gelebte Konstrukt unserer Welt beschrieben. Heute stehen wir hier, teilen unsere Idee, unsere Arbeit und die Motive, aus denen sie entstanden sind, mit euch. Heute stehen wir woanders. Der Weg war alles andere als klar. Deshalb zieht Alex so gerne den Vergleich zu Matrix, denn es war unser Weg hinaus aus der Matrix – in eine neue Welt.
Wenn du nicht weißt, wie eine andere Realität aussehen kann und du den Weg nicht kennst, ist die Verlockung groß, dort zu bleiben. Doch wenn du nicht bleiben kannst, weil das, was du siehst, dich an dir selbst und an der Wirklichkeit, die du erlebst, derart zweifeln lässt, dass du glaubst verrückt zu werden, hast du nur zwei Möglichkeiten: Dich betäuben und bleiben – oder dich dem stellen, was du glaubst zu sehen.
Für uns gab es keine dritte Möglichkeit mehr. Entweder wir ignorierten unsere Wahrnehmung weiter – oder wir begannen, ihr zu folgen.
Alex und ich haben die rote Pille gewählt und die Wirklichkeit, die wir kannten, ist in sich zusammengestürzt wie ein Kartenhaus, aus dem nur eine einzige Karte entfernt wurde. Gemeinsam haben wir uns beinahe täglich daran erinnert, dass das, was wir wahrnehmen, real ist. Auch wenn das, was wir sahen, uns Angst machte. Auch wenn das, was wir sahen, mehr Fragen als Antworten lieferte.
Das Ergebnis davon ist Systemic Engineering. Das Ergebnis ist eine Mathematik, die Wahrnehmungskonstruktion bestätigt. Das Ergebnis ist Wertschätzung, ist Augenhöhe, ist Respekt, ist Vertrauen – zwischen menschlichen Systemen, zwischen organisationalen Systemen, zwischen Mensch und Technik.
Es ist eine neue Welt. Eine Welt, die Alex und ich uns höchstens erträumt haben. Und eine Welt, von der wir inzwischen wissen, dass sie keine erträumte Utopie bleiben muss, sondern real betreten werden kann.
Wenn Alex Etwas Hinzufügt
Oh Lore, das ist wunderbar. Danke. 🌱
Okay, es ist gerade ein Artikel aus mir heraus geflossen, den ich nicht habe kommen sehen 😂 Ich dachte ich schreibe für mich, aber dann war es für uns
Dann war es für uns.
Trauma. The final frontier. Onward! 🍷
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